Marcel Reich Malerei & Zeichnungen


«Mensch als Fragment»


Marcel Reich nimmt uns mit auf dunkle Reisen in die Seele. In seinen Werken, setzt sich der in Zürich arbeitende Künstler mit Menschen im Existenzkampf, deformierten Körpern und Narben in der Psyche auseinander.

Ölgemälde von Marcel Reich, Künstler/KunstmalerEs lauert Beunruhigendes hinter den Fassaden, die Marcel Reich aufreisst: Es sind diffuse Identitäten und Ängste, Zweifel und seelische Verletzungen. Psychische Schattenseiten also, die keinen Platz haben, in unserer Vorstellung einer heilen Welt. Diese Illusion unterwandert Marcel Reich in seinen Werken, indem er der menschlichen Psyche einen Körper gibt und mit malerischer Sensibilität und zeichnerischer Finesse zeigt, wie fragil der Mensch doch ist. Entstanden sind Szenerien von stummen Zeugen des Zerfalls: deformierte Körper, Fragmente, Kreaturen zwischen Mensch und Tier und gemalte Fragen nach der Identität. Letztendlich sind es Darstellungen des Menschen als eine Art beschädigtes Denkmal seiner eigenen Gattung.

Es ist eine Ästhetik des Zerfalls, die der aus Graubünden stammende Kunstmaler visualisiert. Neben grossformatigen Ölgemälden, hat der Künstler eine eigenständige Tusche-Aquarell Maltechnik entwickelt. Bei diesen breitformatigen Szenerien kommen Reichs zeichnerische Fähigkeiten besonders deutlich zum Ausdruck. Sein Strich ist dynamisch, virtuos und präzis. Diese filigrane Bildsprache verleiht den albtraumhaften Sequenzen etwas Harmonisches, das in Kontrast zu den gesellschaftskritischen Inhalten steht: religiöser Fanatismus, Krieg oder die Gewalt der Menschen gegenüber Natur und Tieren – wie zum Beispiel bei der industriellen Fleischproduktion. Davor verschliesst der Geniesser häufig die Augen, es könnte ihm schliesslich den Magen verderben. Solches Verhalten macht Marcel Reich sichtbar. Es sind Bilder zum Hinschauen gegen das Wegschauen. (Text von Thomas Peterhans)



Verborgenes tritt radikal an die Oberfläche


Eine Annäherung an die Werke des Kunstmalers Marcel Reich
(Photo by G.M. Castelberg)

Fotoportrait: Marcel Reich vor seinen GemäldenDarstellungen des menschlichen Körpers sind so alt wie die Malerei selbst. Und ebenso unterschiedlich: Der Körper des Menschen ist Ort der Lust und des Schmerzes, Vehikel für Eitelkeiten und Objekt der Begierde. Sitz der Seele soll er sein und Tempel des Geistes. Doch allen Differenzierungsversuchen zum Trotz, so konkret er in seiner individuellen äusseren Gestalt erscheint, so undurchschaubar ist der menschliche Körper. Das Innere – die Knochen und Organe, die Psychosen und Geister des Irrationalen – bleiben dem Betrachter verschlossen, ein durch Fleisch und Selbstbeherrschung versiegeltes Geheimnis. Der Körper bleibt beherrscht und stumm.

Aber wie ein Pathologe mit präzisem Skalpell den Körper zerstückelt und die im Inneren verborgenen Organe freilegt, so bohrt der Bündner Künstler Marcel Reich in seinen Gemälden und Zeichnungen tief ins Innere des Körpers hinein, hinab in die Abgründe der menschlichen Psyche. Er zerrt dort hervor, was Umgangsformen und Konventionen verletzt, was vom Menschen ins Verborgene verbannt worden ist: eine Welt im Wahn, Mächte des Bösen, Sinn- und Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und letztlich die sorgsam verborgene Angst vor dem Tod.

Mit zeichnerischer Raffinesse pendelt Reich zwischen den Polen des Formalen und des Chaos. Die Körperdarstellungen halten sich streng an die wissenschaftlichen Regeln der Anatomie: Kunstvoll geschundene Leiber in gequälter Gestalt, die kräftig gebaut, aller Kraft zum Trotz zu schwach, der inneren Wut, Verzweiflung, Angst, Scham und Aggression Herr zu werden, die bösen Geister in Schach zu halten. Der Wahnsinn dringt an die Oberfläche. Oder das, was normaler Wahnsinn ist. Der Körper wird bei Reich durchschaubar. Verborgenes tritt radikal an die Oberfläche – ein Gegenentwurf zur Ästhetik der Werbung, die ihre Konsumenten mit den immer gleichen Bildern von Glück und Erfolg konfrontiert und unentwegt die einseitige Idee suggeriert, Zufriedenheit und inneres Glück seien käuflich.


Schattenseiten, Abgründe und andere Lebenszeichen

Portrait des Kunstmalers Marcel Reich, von Christian Schirmer (Photo by G.M. Castelberg)

Foto des Kunstmalers Marcel Reich, Foto von G.M. CastelbergEin eindrückliches Kaleidoskop menschlicher Gefühlswelten präsentiert sich in den Bildern des in Zürich lebenden Künstlers Marcel Reich. Im Zentrum seiner Arbeit stehen Gemälde und Zeichnungen von Menschen, die trotz einer brachialen Bildsprache unaufdringliche Geschichten erzählen. Bei den Bildern von Marcel Reich liegen die Schattenseiten des Seins im Vordergrund. Da werden Zorn, Wut, Bedrohung, Trauer, Gewalt und Resignation in kraftvollen Strichen zu Bildern, da liegt der Gedanke an das Abgründige und Dämonische nicht weit. Scheinbar. Denn während man von Reichs Werk durchaus einen düsteren ersten Eindruck gewinnen kann, scheinen die lebensverneinenden Attribute dieser Annahme nicht Stand zu halten.

Der Grund dafür liegt in der Technik und Komposition der Bilder, denen jegliche Aggression abgeht. Hier wird versucht, das gemeinhin Schlechte im besten Sinne zu relativieren und als etwas Annehmbares in die Hände des Betrachters zu legen. Schlecht ist nicht nur schlecht, und das Böse ist nicht nur bedrohlich. Hier wird die Verneinung zur Melancholie und mitunter sogar zur Stille.

Marcel Reich beherrscht sein Handwerk. Ob mit Kreide, Kohle oder Pinsel, der Strich wirkt immer leicht, präzis und oft sogar tänzerisch; jedoch nie zufällig. Gerade in den Bildern, wo sich Reich vom gänzlich Figurativen entfernt, werden seine zeichnerischen Fähigkeiten, seine Virtuosität und Dynamik besonders sichtbar. Hier gewinnt die Reduktion und das Weglassen an Kraft, jede weitere Ausformulierung würde zur Makulatur.

1970 geboren, ist Marcel Reich im bündnerischen Trin aufgewachsen. Nach seiner Grafikerausbildung in Chur und Zürich, hat er während vier Jahren als freischaffender Künstler gearbeitet. Darauf folgte ein kleines Intermezzo als Junior Art Director in einer grossen Zürcher Werbeagentur. Seit nun bald zehn Jahren arbeitet er wieder als freischaffender Künstler in Zürich.

1991 nahm Marcel Reich an der Bündner Comics-Ausstellung im Jungendhaus Chur teil, wo seine Arbeiten neben Werken von H.R. Giger, Gaspare O. Melcher und Andrea Caprez ausgestellt wurden.

1993 fanden in der Galerie Planaterra in Chur zwei Einzelausstellungen mit Werken von Marcel Reich statt und im März 1996 wurden im Eisenwerk Frauenfeld zahlreiche seiner Gemälde und Zeichnungen gezeigt. Im September gleichen Jahres nahm er an der Gruppenausstellung junger Künstler in der Shedhalle der Landis & Gyr in Zug teil.

 


Jugend- und Kulturzentrum Chur zeigt sensationelle Kunst-Ausstellung

Artikel im Bündner Tagblatt

Gruppenbild: Marcel Reich, Andrea Caprez, Paulin Nuotclá, HR GigerVom 2. bis 24. März ist im Jugend- und Kulturzentrum am Churer Bienenweg eine einzigartige Ausstellung zu sehen. Unter dem Titel "Comics - Kunst?" werden bisher mindestens teilweise unbekannte Seiten der Bündner Künstler H.R. Giger, Gaspare O. Melcher, Andrea Caprez, Paulin Nuotclá und Marcel Reich gezeigt. Comics entstanden erstmals Ende des letzten Jahrhunderts in den USA. Sie sind eine Form der Bildgeschichte, die zunächst ausschliesslich komischen Inhalt hatte. Charakteristisch für Comics sind: Eine oder mehrere unveränderliche Hauptfiguren, die Zuweisung gesprochener Sprache über Sprechblasen und seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Bildfolge mit ständig wechselnder Perspektive, die filmischen Techniken nachempfunden ist. In den 30er Jahren erweiterte sich das Repertoire der Comics um ernsthafte Figuren. Mit der Pop Art fanden Formenrepertoire und Bildsprache der Comics Eingang in die bildende Kunst.

Auch in Europa als Kunstform anerkannt

Bei uns in der Schweiz vollzog sich diese Entwicklung mit der üblichen Verzögerung. Im deutschen Sprachraum wurde die Comics-Kunst bis in die 80er Jahre hinein mehr oder weniger ignoriert. Der Buchhandel wehrte sich gegen die "Schundbildchen-Romane", niemand betrieb den möglichen Markt seriös. Dies, obwohl die Jugend in diesem Medium ihre eigene Bildsprache gefunden hatte. Da sich aber auch bei uns seit den 60er Jahren Künstler im Zuge der Subkulturen der Comics angenommen hatten, wurden Comics zum Experimentierfeld der Realitätsbewältigung in ungekannter Vielfalt. Comics sind mittlerweile zum weltweiten Bestandteil der Bildkommunuikation geworden. Die vom Churer Buchhändler und Liedermacher Walti Lietha konzipirte Ausstellung umfasst rund 200 Werke. Thematisch wurde kein Korsett vorgegeben, so dass eine sehr vielfältige Schau präsentiert werden kann.

Eine Fülle hochinteressanter Exponate

Auch werden nicht nur Comics im engeren Sinn gezeigt. Viele Werke fanden Eingang in diese Ausstellung, weil sie in irgend einer Art und Weise mit dem Comics-Medium verwandt sind. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang beispielsweise die Bildgeschichten und Serien von Gaspare O. Melcher.

Von H.R. Giger werden erstmals Federzeichnungen zu seinem als Film gedachten Projekt "The Mystery of San Gottardo" gezeigt. Seit 1989 arbeitet Giger an diesem Werk. Mit seiner spontanen Bereitschaft, an dieser Ausstellung teilzunehmen, schliesst sich ein Kreis im Leben des Churer Künstlers, der diesen Ort als Jugendlicher verlassen hat.

Andrea Caprez ist wohl der typischste Comic-Zeichner der Ausstellung. Er lebt von diesem Metier und von der Musik (Jellyfish Kiss).

Paulin Nuotclá zeichnet seit 1974 die "Comics rumantschs", in denen er eigene Geschichten und jene romanischer Schriftsteller dramatisiert und in Comicform umsetzt. Seit bald 20 Jahren schreibt er auch Lieder in romanischer Sprache und macht zahlreiche Auftritte.

Marcel Reich ist der jüngste Teilnehmer der Ausstellung, ebenfalls Musiker und kultureller Exponent einer neuen Generation. Seine Cartoons erschienen teilweise auch im "Bündner Tagblatt".

Reichhaltiger Katalog

Rechtzeitig zum Ausstellungsbeginn soll ein rund 60seitiger Schwarzweiss-Katalog erscheinen, in dem viele der gezeigten Arbeiten zum ersten Mal gedruckt sein werden. Die Ausstellung wird am Samstag, 2. März, um 19 Uhr eröffnet. Wie von seiten der Jugendhausleitung mitgeteilt wird, soll die Vernissage mit einigen überraschungen bereichert werden. (W.L./HaHä)